Der Erfinder des Wandertages

22. Januar

Er hieß Karl Volkmar Stoy, war einer der namhaftesten Pädagogen des 19. Jahrhunderts und er hat sich in der deutschen Schulgeschichte unsterblich gemacht: Karl Volkmar Stoy „erfand“ nämlich den Wandertag. Das war am 21. August 1853.

Gut 38 Jahre zuvor, am 22. Januar 1815, wurde Stoy geboren und zwar im sächsischen Pegau, einem hübschen kleinen Städtchen in der Elsterau ganz im Westen des Freistaates unweit der Grenze zu Sachsen-Anhalt.

Noch nicht einmal zwei Jahre vor Stoys Geburt hatte Pegau, oder genauer das in der Nähe gelegene Großgörschen, Weltgeschichte geschrieben, als ein vom katastrophalen Russland-Feldzug gebeuteltes französisches Heer unter der Führung Napoleons am 2. Mai 1813 auf die verbündeten Preußen und Russen prallte.

Den Sieg in dieser ersten Schlacht der Befreiungskriege reklamierten beide Seiten für sich, die meisten Historiker neigen allerdings dazu, ihn den Franzosen zuzuschreiben, obwohl sie doppelt so viele Tote und Verletzte zu beklagen hatten (mehr als 22 000) als ihre Gegner.

Die Franzosen nennen diese Schlacht auch „Schlacht bei Lützen“, weil Napoleon vor dem Gemetzel am Gedenkstein für den 1632 im Dreißigjährigen Krieg an dieser Stelle gefallenen Schwedenkönigs Gustav II. Adolf umgeben von seinen Truppen übernachtet hatte. Dass Lützen doch ein Stückchen entfernt liegt und außerdem im Bundesland Sachsen-Anhalt, ist in französischen Augen sicher eine zu vernachlässigende „Petitesse“.

Und dass Napoleon auch in Stoys Heimatort Pegau übernachtete und dass das sogenannte „Napoleon-Haus“ erst kürzlich renoviert wurde und dass man noch nicht so richtig weiß, was man mit der historischen Immobilie anfangen soll, ist ebenfalls relativ belanglos für die Geschichte, um die es eigentlich geht, nämlich um den Wandertag.

Der Lebensweg seines Erfinders Karl Volkmar Stoy war ausgesprochen gradlinig. Er studierte Philosophie, Theologie und Philologie in Leipzig, holte sich 1837 mit 22 seinen Doktortitel und ging dann nach Göttingen, wo ein gewisser Johann Friedrich Herbart neue Ideen hatte, die den jungen Stoy sehr interessierten.

Dieser sogenannte Herbartianismus hinterließ bis heute seine Spuren in der Pädagogik, unter anderem ist ihm zu verdanken, dass an den Universitäten eigene Lehrstühle für Pädagogik mit angeschlossenen Seminaren entstanden, dass die „didaktischen Funktionen“ formuliert wurden, worunter man das „pädagogische Einmaleins“ eines Lehrers versteht, dass die Lehrerfortbildung eingeführt wurde, die soziale Stellung des Lehrers verbessert und, ein besonderes Anliegen Stoys, dass die Schule sich emanzipierte. Stoy war einer der ersten, der versuchte, die Schule ganzheitlich zu erfassen und sie mit der beruflichen Ausbildung zu verknüpfen. So gesehen kann man Stoy durchaus als einen der Vorreiter unseres heutigen sogenannten dualen Systems betrachten.

Die volkstümlichste und allgemein wohl bekannteste seiner Ideen war aber der „Wandertag“. 1843 war Stoy nach Jena gegangen, hatte sich habilitiert und übernahm 1844 die private Knabenerziehungsanstalt eines gewissen Dr. Heimburg, in der er als eine seiner ersten Maßnahmen ein pädagogisches Seminar mit angeschlossener Volksschule einrichtete.

Am 21. August 1853 war es dann soweit. Karl Volkmar Stoy wanderte mit seiner gesamten Schulgemeinde von Jena bis zum Großen Inselsberg im Thüringer Wald, am nördlichen Ende des berühmten Rennsteigs. Dabei ist kaum vorstellbar, dass die versammelten Schüler und Lehrer den ganzen Weg zu Fuß zurücklegten, denn die Strecke beträgt ungefähr 100 Kilometer.

Gut vorstellen kann man sich allerdings, dass die wackere Wandererschar sich in einem der beiden Gasthöfe auf dem Inselsberg erfrischten, denn den heutigen Berggasthof Stöhr gab es schon seit 1810 und den heutigen Berggasthof Stadt Gotha schon seit 1852, er war also gerade erst eröffnet worden.

An den geschichtsträchtigen ersten Wandertag erinnert heute ein 2006 renovierter Gedenkstein und auch im aktuellen Schulwesen hinterließ Karl Volkmar Stoy nicht nur seine Ideen, sondern auch seinen Namen. Konsequenterweise heißt nämlich das staatliche Berufsbildungszentrum „Wirtschaft & Verwaltung“ in Jena „Karl-Volkmar-Stoy-Schule“. Der Pädagoge starb am 23. Januar 1885, einen Tag nach seinem 70. Geburtstag.

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